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Días de los Muertos – Ein Fest der Lebenden für die Toten

Reiseleiter Reinhard Wogritsch

Die Ursprünge der Dias de los Muertos sind in den mesoamerikanischen Kulturen der Azteken, Tolteken, der Nahua und anderer Völker zu suchen, in deren Verständnis Leben und Tod keine bedingungslosen Gegensätze darstellten, sondern Teil eines natürlichen, wiederkehrenden Prozesses waren. Diese Weltanschauung lässt sich gut im Stellenwert der Astronomie wiedererkennen, den diese Wissenschaft für diese Völker hatte. Das intensive Betreiben der Himmelskunde führte ihnen den beständigen Wandel des Seienden vor Augen, das nie gleichblieb, dennoch ewig währte und auf dieselbe oder auf andere Weise wiederkehrte. Der Tod ist bloß ein Übergang in eine andere Lebensphase in einem unendlichen Zyklus und wurde nicht als sein absolutes Ende betrachtet. Die daraus resultierende Gelassenheit gegenüber dem Tod spiegelt sich bis heute im mexikanischen Umgang mit Leben und Tod wider.
Zur selben Zeit war im europäischen Mittelalter die christlich-abendländische Auffassung des Todes eine völlig andere. Sie wurde auch stark durch die Pest geprägt, die damals Angst und Schrecken auslöste. Diese tiefsitzende Todesfurcht lässt sich in den künstlerischen Darstellungen der Totentänze oder Makabertänze erkennen, die zu der Zeit äußerst populär waren. Männer und Frauen aller sozialer Schichten sind hierin gleichgestellt, tanzen Hand in Hand im Kreis, nicht von Gott, sondern von einem personifizierten Tod angeführt.
Die heutige Beziehung der Mexikaner*Innen zum Tod ist nicht nur auf die Vorstellungen der altmexikanischen Hochkulturen zurückzuführen. Als die Spanier das Aztekenreich gegen Ende des 15. Jahrhunderts eroberten, spielte die Christianisierung eine tragende Rolle. Viele europäische Anschauungen, aber auch grundlegende christliche Betrachtungen über das Leben und den Tod wurden so importiert. Obgleich zahlreiche Überlieferungen und Riten der altmexikanischen Kulturen dadurch unwiederbringlich verloren gegangen sind, konnten sich trotzdem viele Bräuche erhalten, indem sie sich mit christlichen Inhalten vermengten, wie die synkretistische Auffassung des Todes in der Form der Días de los Muertos zeigt. Nachdem die spanischen Missionare vergeblich versucht hatten, den Azteken ihr Totenfest auszutreiben, arrangierten sie sich damit und legten das Fest mit den Totengedenktagen Allerheiligen und Allerseelen zusammen.
Die Tradition in Mexiko kennt drei Tode, den die Menschen sterben. Der erste Tod tritt ein, wenn das Herz aufhört zu schlagen. Wenn der Körper bestattet wird, stirbt man zum zweiten Mal. Und wenn sich niemand mehr an den Verstorbenen erinnert, ist derjenige definitiv tot.
Während der Días de los Muertos besuchen die Verstorbenen Ihre Angehörigen, Familien und Freunden in der Nacht zum 2. November. Sie verbringen die diese Nacht am Grab, gedenken den verstorbenen Familienmitgliedern und beten für sie.
Ein wichtiger Bestandteil des Festes ist der Altar (ofrenda), der zu Hause (oder auch auf einem Friedhof) errichtet wird. Die Altäre sollen die Geister der Toten im Diesseits willkommen heißen. Daher werden auch deren Lieblingsgetränke und -speisen aufgetragen, um den Durst und den Hunger der Verstorbenen nach ihrer langen Reise aus dem Jenseits zu stillen. Neben der Verpflegung werden Familienfotos und eine Kerze für jeden toten Verwandten aufgestellt. Essentiell für die Dekoration der ofrendas sind alle Arten von Skelettfiguren – aus Pappmaschee, Gips oder Zuckerguss, die sogenannten calaveras, wie z.B. eine Figur namens Salvatore Calavera, die ihren eigenen Kopf spazieren trägt, oder den verrückten Esel Burro Loco, der tierischen Frohsinn verbreitet. Es gibt auch Menschen, die sich verkleiden, so wie die kostümierten mariachi-Gruppen , die ihre traditionelle Musik auf den Friedhöfen spielen, oder La Catrina, die zunächst La Garbancera hieß und als Symbol für Unterdrückung und Ungleichheit des Landes steht. Vor dem Tod sind alle gleich, das war die anfängliche Idee des Illustrators José Guadalupe Posada, als er diese Figur 1912 als politische Gesellschaftskritik schuf, die damals wie heute die mexikanische Oberschicht karikierte.
Anschließend zieht man gemeinsam zum Friedhof und feiert dort die restliche Nacht essend, trinkend, tanzend und musizierend den Abschied der Verstorbenen.
Bereits an den Tagen vor dem eigentlichen Fest wird an jene Verstorbenen gedacht, die unter bestimmten Umständen ums Leben gekommen sind. So gedenkt man in der Nacht vom 28. auf den 29.10. an jene, die durch Mord, Selbstmord oder bei Unfällen ihr Leben verloren haben. Die Nacht vom 29.10. auf den 30.10. ist all jenen gewidmet, die ohne Taufe oder letzten Segen gehen mussten. Vom 30.10. auf den 31.10. wird an jene Verstorbenen gedacht, die keine Angehörigen haben. In der Nacht vom 31.10. zum 1.11. feiert man die Ankunft der angelitos, die als „Engelchen“ bezeichneten toten Kinder. Für sie wird ein spezieller Altar mit Gaben aufgebaut. Dazu zählen Kerzen, orange leuchtende cempasúchil -Blumen, die allen Verstorbenen den Weg zu ihren Familien weisen sollen, Weihrauch, ein Glas Wasser, Salz, Totenköpfe aus Zucker, die Lieblingsspeisen sowie das Lieblingsspielzeug der Kinder. Letztlich erwartet man in der Nacht vom 1.11. zum 2.11. die Ankunft der Seelen der verstorbenen Erwachsenen.
Den Tod so freudig zu begrüßen, zu feiern und in der Form die Erinnerung an die Toten lebendig zu halten, ist schon besonders und nur in Mexiko üblich. Die “Días de los Muertos” sind einzigartige Feiertage, so einzigartig, dass die UNESCO das Fest 2003 zum Teil des Weltkulturerbes erklärt hat.